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Riviera Musik

Von François Barras

Zwischen Himmel und Erde

Der Funke, der die Riviera entfacht hat

Wäre diese Geschichte ein Film, würde er so beginnen: Ein nicht sehr grosser junger Mann stösst an einem Morgen im Jahr 1965 mit seiner rechten Hand die schwere Tür von Atlantic Records in New York auf. In der Linken hält der 29-Jährige eine Schachtel Schweizer Schokolade, die ihm ermöglichen soll – mithilfe der Chefs von Amerikas berühmtester Plattenfirma, den Brüdern Ahmet und Nesuhi Ertegün – den völlig verrückten Plan umzusetzen, auf der anderen Seite des Erdballs in seiner Heimatstadt Montreux am Ufer des Genfersees ein Jazzfestival zu veranstalten. Als Claude Nobs damals das Mekka des Rhythm and Blues betrat, ahnte er nicht, dass sein Festival und damit seine Region Musikgeschichte schreiben würden.

«Es ist nicht mit Worten zu beschreiben. Man muss es selbst erleben.»

Quincy Jones - über das Montreux Jazz Festival

Klassiches Erbe

Montreux und die Riviera besassen durchaus eine gewisse musikalische Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Kursaal eröffnet, in dem zahlreiche klassische Konzerte stattfanden. Wegen des guten Mikroklimas der Region liess sich später der Komponist Igor Strawinsky in Clarens nieder, wie bei der europäischen High Society ab 1910 üblich. Dort löste er zwei Jahre darauf mit seinem Werk «Die Frühlingsweihe» einen Skandal aus. Ein erstes Beispiel dafür, dass die beschauliche Riviera als Inspiration für unkonventionelle Ideen diente... Fünfzig Jahre später wird die Rose d’Or der Télévision Suisse Romande, getarnt als harmloser Wettbewerb, die wilden Ikonen des Rock und Pop in die Postkartenidylle von Montreux bringen. Darunter die Rolling Stones, die 1964 noch brave Buben waren. Sie hatten an der Gala des Events ihren ersten Auftritt ausserhalb Grossbritanniens. Der Mann, der sie am Flughafen abholte, war kein anderer als Claude Nobs... Die kollektive Energie, aus der das Montreux Jazz Festival entstand und die der Region eine unvergleichliche musikalische Ambition verlieh, beschränkt sich jedoch nicht auf einen einzigen Namen. Auch dem Organisationstalent von Pianist Géo Voumard und Journalist René Langel hat das Festival viel zu verdanken. Doch nur durch die Courage, das Kommunikationsgeschick und das Wissen des in Territet geborenen Nobs nahm dieses Wagnis auf Betreiben seines damaligen Arbeitgebers, des Tourismusbüros Montreux, Formen an. Ab 1967 lockte das Festival mit renommierten Blues- und Jazz-MusikerInnen aus dem englischsprachigen Raum und später den Super-Pop-Konzerten, die Nobs mehrmals im Jahr im Casino veranstaltete, ein neues Kaliber von Besuchenden – meist jung und langhaarig – in den bis dahin friedlichen Tourismusort. «Ich wohnte in Genf, aber die Szene war in Montreux», erinnert sich der Schlagzeuger Alain Rieder, damals Teenager und Rockmusik-Fan. «Keine andere europäische Stadt dieser Grösse hatte solche Namen zu bieten: Pink Floyd, Zappa, Yes, Wings, Led Zeppelin! Mein erstes Konzert war Black Sabbath. Wie man an den Nummernschildern auf dem Parkplatz sah, kamen die Fans aus der ganzen Schweiz, aus Frankreich, Italien, Deutschland... Jimi Hendrix stand auf dem Programm, doch er starb vor seinem Auftritt in Montreux.» Während eines Gigs von Frank Zappa brach im Casino ein Feuer aus und inspirierte Deep Purple zu «Smoke on the Water».

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Unter den legendärsten Konzerten des Montreux Jazz hat der Auftritt von Aretha Franklin im Jahr 1972 einen Ehrenplatz. © Georges Braunschweig

Die Verbindung zu Warner Music

Eine andere, seltener erwähnte Facette von Claude Nobs: 1973 wird der Leiter des MJF dank seiner Freundschaft mit den Ertegün-Brüdern europäischer Vertreter von Warner Music, das zuvor Atlantic Records übernommen hat. Dank dieser glücklichen Fügung rückt die Region noch mehr ins Rampenlicht der Musikwelt. Er stellt die Bedingung, das Plattenlabel von Montreux aus leiten zu dürfen, und schwört bis zu seinem Tod 2013, dass er den unzähligen Versuchungen, in die USA zu gehen, nie nachgegeben hat. «Dafür liebe ich die Riviera zu sehr. Ausserdem kommen die Künstlerinnen und Künstler gern hierher», sagte er. Und behielt recht. Eines Abends im Jahr 2016 lehnte sich John Paul Jones in Genf ans Terrassengeländer des Hotel Cornavin. Er blickte über den See nach Osten. «Ist das Montreux da drüben? Ich werde nie vergessen, wie Nobs nach dem Konzert in seinem Chalet für uns kochte.» So vieles hatte der Bassist von Led Zeppelin, einer der exzessivsten Rockbands, schon erlebt. In Erinnerung blieb ihm jedoch diese simple Geste der Gastfreundschaft. Montreux Jazz war eine Matrix, die in Lavaux Spuren hinterliess wie ein Diamant in der Rille einer LP: Zurück blieb eine tiefe Leidenschaft für Musik. In diesem Sommer feiert das Festival sein 60-jähriges Bestehen mit der Wiedereröffnung des Convention Center 2M2C und dem Auditorium Stravinski, in dem schon Bob Dylan, B. B. King, Stevie Wonder, David Bowie, Lady Gaga und viele andere Superstars gespielt haben. Doch auch wenn es das bekannteste Ereignis bleibt, lockt es nicht als einziger Anziehungspunkt Kunstschaffende und Gäste in die Region.

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Unter den legendärsten Konzerten des Montreux Jazz hat der Auftritt von Aretha Franklin im Jahr 1972 einen Ehrenplatz. © Georges Braunschweig

«Montreux ist die ultimative Erfahrung, wo die Musikstile der Welt aufeinandertreffen und verschmelzen.»

Santana

Star der Studios

Jenseits der Bühne prangt der Name Montreux auf dutzenden Platin-Schallplatten, die in den Mountain Studios aufgenommen wurden. Das Tonstudio entstand 1975 im neuen Casino und befindet sich heute in Attalens. Allein die Tatsache, dass es bis 1993 Queen gehörte, spricht für die technische Qualität der Räumlichkeiten, weshalb auch AC/DC, David Bowie und die Rolling Stones ihre Alben hier produzierten. Heute beherbergt das Studio die Ausstellung «Queen: The Studio Experience» zu Ehren von Freddie Mercury, der mehrere Wohnungen in Montreux besass und die Diskretion der Kleinstadt schätzte. Seine Statue an der Place du Marché mit Blick auf den Genfersee zieht jährlich tausende Fans und Neugierige an.

Jazz auch in den Rebbergen

Ein Festival bleibt nicht lange allein. Davon kann auch Cully Jazz ein Lied singen. Seit 1983 verwandelt sich der Marktort in Lavaux in einen summenden Bienenstock. Jazz, Soul, R&B und World Music machen Cully zum international anerkannten Treffpunkt. Es ist kein Zufall, dass Mitbegründer Emmanuel Gétaz in den 1990er Jahren für Montreux Jazz arbeitete. Leidenschaft ist ansteckend. Und sie ist frei von Stilzwängen: Lavaux Classic erfreut die Region seit 20 Jahren mit einem klassischen Repertoire. Die Konzerte werden in Dörfern, am Seeufer oder inmitten der Weinberge abgehalten. In Vevey und Montreux hat diese musikalische Energie zahlreiche Konzertsäle hervorgebracht. Dieses Fleckchen Erde zwischen Himmel und See hat Musik in seiner DNA. Braucht es noch einen Beweis für die Besonderheit der Region? Lavaux gehört nicht nur wegen seiner schönen und unverbauten Natur zum UNESCO-Welterbe. Tausende Stunden von Montreux Jazz befinden sich inzwischen im Weltdokumenten-Register «Memory of the World» der UN-Organisation. Die Technologieaffinität des Festivals hat die Konzerte vor der Vergänglichkeit bewahrt. Schon in den 70ern wurden sie mithilfe von TSR auf Band aufgezeichnet und nun im Rahmen einer langen Kooperation mit der École Polytechnique Fédérale de Lausanne digitalisiert und gespeichert. Montreux selbst trägt seit 2023 den Titel «Creative City of Music». Das ist der jüngste Meilenstein in der einzigartigen Geschichte der Stadt aus Noten, Liedern und Tänzen, die keineswegs verblasst ist, seit der junge Mann aus Territet in New York eine Tür aufgestossen hat.

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Blues, R&B und vor allem Jazz haben die Seele des MJF geprägt. B. B. King war häufig zu Gast und stattete gern seinem Abbild am Seeufer einen Besuch ab. © Edouard Curchod

«Das Montreux Jazz Festival ist für Menschen, die Musik wirklich lieben. Damit nimmt alles seinen Anfang, der Rest ist sekundär – heutzutage eine Seltenheit.»

Jack White

Nox Orae, MIGS, Emergences Musicales

Die neue Generation performt

Und heute? Als Festivals noch exotische Kuriositäten waren, gehörte eine beträchtliche Portion Verrücktheit dazu, sie zu erschaffen. Auch heute, inmitten der Flut an Musikveranstaltungen, braucht es die Courage, Neues zu wagen. Die Formel zum Überleben: Einzigartigkeit. 

Nox Orae, das älteste unter den jüngeren Festivals, hat sich deshalb für Kult und Avantgarde zwischen Retro und Zukunft entschieden. Seit 2010 treten in Tour-de-Peilz ausgewählte Bands auf, die ein eher kleines, aber treues Publikum anziehen. Das Open-Air-Festival findet immer an einem Augustwochenende im Jardin Roussy direkt am See statt. Alternative-Legenden wie The Jesus and Mary Chain, Happy Mondays, The Flaming Lips, Swans, The Brian Jonestown Massacre sowie einige Underground-Neuzugänge von Warpaint bis Ty Segall und Viagra Boys (2025) haben hier schon die Bühne gerockt.

Montreux International Guitar Show (MIGS), gegründet 2022, hat die Musik zurück ins Casino gebracht, wo sie sich von ihrer schönsten Seite zeigt: eine Gitarrenmesse für Ausstellende ebenso wie für Familien, Neugierige und KünstlerInnen. Mit hochkarätigen Konzerten, Workshops und Vorträgen punktet diese unterhaltsame Veranstaltung, die jeden Frühling stattfindet, durch Barrierefreiheit und Originalität. Über 70 Hersteller von Akustik- und E-Gitarren sowie von Pedalen und Verstärkern liessen sich sofort von dem historischen Charme der Location begeistern. «Als ich in Montreux aus dem Zug stieg, kamen mir die Tränen», beichtet ein gestandener Gitarrenbauer aus den Niederlanden, den die MJF-Konzerte während seiner Jugend begleiteten…

«Les émergences musicales» machen ihrem Namen alle Ehre. Nach dem Vorbild des von Francis Cabrel in seinem Geburtsort Lot-et-Garonne geschaffenen Talentprogramms «Rencontres d’Astaffort» findet das schweizerische Pendant seit 2023 in Caux statt. Der Sänger war als Götti bei der ersten Ausgabe des künstlerischen Austauschs dabei, der von Konzerten im märchenhaften Caux Palace untermalt wird. Zur dritten Ausgabe 2025 kehrte er zurück, umgeben von einem knappen Dutzend Rat suchender junger Künstlerinnen und Künstler. So wird die musikalische Geschichte der Riviera fortgeschrieben.

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Lou Barthelemy - Saison culturelle Montreux

Hype

Wenn Promis die Riviera zum globalen Hype machen

Everyone knows that the best way to generate publicity is by letting others do it for you. The most famous ambassadors of jazz, blues and pop on the Riviera have often been musicians who have loved playing there and are more than happy to give it their heartfelt endorsement in return. So even if your name is Prince and you have been everywhere and seen everything there is to see, you can still be struck by the beautiful landscape of Lavaux and maybe even inspired to write a song about it! Prince released his funky little ode to the region, the logically titled “Lavaux”, in 2010 after his second visit to the Montreux Jazz Festival. "Take me to the vineyards of Lavaux, wanna see the mountains where the waters flow. Life back home depresses me…." We completely agree!

The region even got an unexpected promotional boost back in 1968 thanks to a giant postcard in the form of an LP by Bill Evans. Recorded at the second edition of the festival, his live album At the Montreux Jazz Festival was a global hit and also drew particular attention to Chillon Castle, which was pictured on the cover. Similarly, in 1995, Queen’s 15th and final album Made in Heaven was a tribute not only to the voice of Freddie Mercury following his death, but also to Lake Geneva, looking equally majestic on the record sleeve.

Times have changed since then. In this age of the internet, social media is regularly filled with images of stars strolling along or swimming in the lake before and after concerts. In recent years, artists such as Rita Ora, Sam Smith (pictured in a boat with Shania Twain and a glass of champagne), Jon Batiste, Woodkid, Dua Lipa, Lil Nas X, Raye, Luvcat and more have all sent their own picture postcards to the world from the shores of Lake Geneva. But none of them have had quite the impact of those shots of Benson Boone jumping into the lake from the main stage at the second open-air event in 2025, having barely finished singing his last note! News of this utterly unexpected and impeccably timed plunge into the water spread all around the world. “Mark my words: in the next 10 years, I am going to live in Montreux!” vowed the singer in an Instagram post. We’re waiting for you, Benson.

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Benson Boone auf der Bühne der Scène du Lac beim 59. Montreux Jazz Festival, 15. Juli 2025. © Emilien Itim

«Merkt euch meine Worte: In den nächsten zehn Jahren ziehe ich nach Montreux. Dieser Ort ist magisch.»

Benson Boone