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Eine Epoche voller Pracht und Schönheit

Von Alexandre C.

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Die Belle Époque

An der Riviera prägt das Erbe der Belle Epoque auch heute noch Architektur und Landschaft. Neben den Schaufelraddampfern auf dem Genfersee und den Zügen der MOB erinnern vier symbolträchtige Hotels in Montreux, Caux und Glion an eine prunkvolle Ära und bieten Reisenden einen einzigartigen Charme zwischen Tradition und Moderne.

« Fast ist das Hufgeklapper des Rösslitrams zu hören, das Anfang des 20. Jahrhunderts Ausflügler transportierte »

Alexandre C.

Geschichtlicher überblick

Die Geschichte der Belle-Epoque-Hotellerie an der Riviera beginnt 1870 mit der Entstehung der ersten Hotels in Territet und Caux. Architektur und Tourismus entfalten sich Hand in Hand mit dem technischen Fortschritt. Dank fliessendem Wasser und Elektrizität gibt es nun Badezimmer und die Gäste werden in Aufzügen befördert. 1879 erhält das erste Hotel, das Engadiner Kulm in St. Moritz, elektrischen Strom. Zehn Jahre darauf löst die Pariser Weltausstellung allerorts ein Wetteifern um immer größere und gewagtere Bauprojekte aus. «Dieser Modernisierungsdrang brachte auch mehr Komfort», erläutert die Expertin für schweizerische Hotelgeschichte Evelyne Lüthi-Graf.

Die vier Hotels an der Riviera, die der Belle Epoque zuzuordnen sind, haben vieles gemeinsam: Das Suisse Majestic wird 1870 erbaut und 1906 von Louis Villard, dem Vater des Sängers Gilles, erweitert; das Caux Palace von 1902 und das Montreux Palace von 1906 entstehen nach den Plänen des Architekten Eugène Jost; das ursprünglich Hôtel du Midi genannte Victoria Glion, damals eine eher einfache Unterkunft für das Dienstpersonal, mausert sich erst im Laufe der Zeit zu einem der luxuriösesten Häuser der Gegend.

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Fairmont Le Montreux Palace: ein Palace, der den Namen der Stadt trägt, in der er entstanden ist

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Grand Hôtel Suisse Majestic: ein Grand Hotel gegenüber dem Bahnhof, das stolz seine Schweizer Herkunft zeigt

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Hôtel Victoria: ein kleines Hotel, das gewachsen ist, aber sehr intim geblieben ist

Eine Einladung zu einer Zeitreise

Durch die Sprossenfenster des Bahnhofs in Montreux erblickt man den gelben Schriftzug des Swiss Majestic – beide Gebäude sind über 100 Jahre alt und stammen von Architekt Eugène Jost. Gegenüber ist der Name des Hotels mit schwarzen und weißen Mosaiksteinchen im Asphalt verewigt. Wenn man die Augen schließt, ist fast das Hufgeklapper des Rösslitrams zu hören, das Anfang des 20. Jahrhunderts Ausflügler transportierte.

Auch im Innern des Swiss Majestic sind die Wände der Lobby derart kunstvoll verziert, nur in einem moderneren und farbenfroheren Design. Doch bleiben wir zunächst bei den Holzkonstruktionen des Bahnhofsgebäudes. Die Resonanz erinnert uns an den Künstler mit starkem Marseiller Akzent, den wir am Morgen getroffen haben. Begeistert erläuterte er uns die sorgfältige Materialauswahl – altertümliche Lacke und Kittrezepturen – für die Restauration eines der 2400 Fenster des Caux Palace. Auf die kokette Frage, ob er sein Know-how aus Büchern über die Belle Epoque habe, lächelte er. Sein Vorgänger, der 32 Jahre für den Unterhalt des Hauses zuständig war, habe sein Fachwissen mündlich an ihn weitergegeben.

Auch die bis zu 300 Personen fassende «Grosse Halle» des Caux Palace hat eine besondere Resonanz. Ihr eigentümliches Echo wurde während monatelanger Dreharbeiten in der RTS-Serie «Winter Palace» eingefangen, zusammen mit dem im Kerzenschein erstrahlenden Prunk von 1899.

Geheimnisse, versteckte Gänge und einen ähnlich spektakulären Charme hat auch das Victoria Glion zu bieten, ein weiteres Juwel der Belle Epoque in der Region. Durch eine Geheimtür gelangt man von der größten Suite direkt in den Konferenzraum. Im Caux Palace kümmert sich ein achtköpfiges Werkstatt-Team um die verchromten Armaturen mit den nostalgischen Drehgriffen für Heiß- und Kaltwasser, denn altmodische Eleganz braucht ein Extra an Pflege. Im Victoria hat man sich für moderne Installationen entschieden, inspiriert durch ein Vintage-Flair, das der Lieferant «Montreux-Stil» nennt. Vielmehr als nur die Tradition zu bewahren, möchte dieses Hotel auch den mit dem heutigen Standard verbundenen Komfort garantieren.

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Das Mosaik von 1906, eine Einladung, die Türen des Hôtel Suisse Majestic zu durchschreiten.

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Der gigantische Boulevard-Terrasse des Caux Palace, der schwindeln lässt.

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Die majestätische Glaskuppel der Säle des Montreux Palace, die einem den Kopf verdreht.

« Schweizer Hotels haben im Hinblick auf Neuerungen oft Pionierleistungen erbracht »

Alexandre C.

Buntglasfenster und ein hydraulischer Lift

Eingebettet zwischen See und Bergen erkannte die Region Montreux früh, dass ihr das einzigartige Mikroklima eine privilegierte Position verschaffte, welche die Vorzüge von Zermatt und Genf verband. Während der Belle Epoque zog sie englische Urlaubsgäste mit Wintersport und Wettkämpfen an: Rodeln in Glion, Skifahren in Rochers-de-Naye und Schlittschuhlaufen in Les Avants. Heute macht das Montreux Palace stolz Werbung mit einem Plakat der Brüder Lebrun, die für ein europäisches Tischtennis-Turnier hier verweilten. In jedem der Hotels muss man sich Zeit nehmen, entschleunigen, die Hektik unserer Zeit draußen lassen, um in die Geschichte einzutauchen.

Manchmal reicht ein einziger Schlüssel, um in die Vergangenheit einzutauchen, etwa im Victoria Glion, in dessen Eingangsbereich eine Sammlung von Türöffnern aus vergangenen Zeiten ausgestellt ist, oder im Caux Palace, wo die Gäste ins Zimmer gelangen, indem sie einen Code in ein Zahlenschloss eingeben. Im Swiss Majestic lohnt es sich, auf den Lift zu verzichten, da sich die wahren Schätze im Treppenhaus verbergen. Hier spielen die von Édouard Diekmann signierten Jugendstilfenster mit Blumenornamenten, Transparenz und Sonnenstrahlen und hüllen den Aufgang in ein verklärendes Licht.

Im Caux Palace erinnert ein ganz anderes Element an die technologischen Errungenschaften von damals: ein hydraulischer Lift, der direkt mit der Wasserkraft von Quellen aus dem Dorf betrieben wird. Ein Meisterstück als Erinnerung daran, dass Schweizer Hotels im Hinblick auf Neuerungen oft Pionierleistungen erbracht haben. Ein anderes Beispiel ist das Kulm Hotel in St. Moritz, das 1879 als erstes Gebäude mit Elektrizität ausgestattet wurde.

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Der kleine Speisesaal des Hôtel Victoria, im Stil Louis XVI eingerichtet und mit Werken des Genfer Malers Édouard Ravel geschmückt, Onkel des Komponisten Maurice Ravel.

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Die Glasveranda des Hôtel Victoria, bereits ab 1891 erbaut, in vollkommener Harmonie mit der üppigen Natur des Gartens.

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Die Zimmerschlüssel, Ursprung der höchsten Auszeichnung eines Concierges: der Goldenen Schlüssel — so gross, dass man sie für den Schlüssel des heiligen Petrus halten könnte.

« In jedem der Hotels muss man sich Zeit nehmen, entschleunigen, um in die Geschichte einzutauchen »

Alexandre C.

Von prunkvollen Palästen und einfachen Unterkünften

Im Untergeschoss des Montreux Palace hallen die pulsierenden Nächte des Montreux Jazz Festival nach. Über weiße Marmorstufen gelangt man zurück in eine längst vergangene Epoche zu einer Tür mit der Aufschrift «Salon de bridge». Hier öffnet sich ein grosser, langer Raum. Man stellt sich Kartenpartien vor, inmitten der Holzvertäfelungen und Fresken, in denen Rittergestalten auf Damen in Abendroben treffen, umrankt von Pflanzenmotiven. Alles ist in das sanfte Licht der sorgsam ausgerichteten Decken- und Wandleuchten gehüllt. In einer Vitrine sind bequem aussehende, braune und weiße Mokassins von 1900 ausgestellt. Welche dieser Schuhe könnten uns etwas über die Gepflogenheiten einer Zeit verraten, in der man das Reisen mit Erholung und Kontemplation verband und rauschende Bälle feierte?

Vielleicht gibt die Literatur Aufschluss, in Person von Francis Scott Fitzgerald, der in seinem Roman Zärtlich ist die Nacht den Ort Caux beschreibt, wo seine Frau Zelda ihre Tuberkulose auskurierte. Über die Ankunft in den Bergen mit der Bahn schrieb er: «Unmittelbar über ihnen lag Caux, wo die tausend Fenster eines Hotels in der Abendsonne erglühten [...]. Böige Winde begleiteten sie, während das Hotel nach jeder Spiralwindung grösser wurde, bis sie [...] auf dem Gipfel des Sonnenscheins angelangt waren.» Doch der Hauch Fitzgeralds, sein Murmeln, tönt auch in Formulierungen wie «hilflose erste Liebe» oder «in einem trunkenen Gefühl froher Erregung, in der er Stimmen vernahm, unwichtige Stimmen, die nichts davon wussten, wie sehr er geliebt wurde». Faszinierend, dass er diese Worte hier in Caux ersann, womöglich bei einem Spaziergang vor der 50 Meter langen Steinmauer des Gebäudes, das mit seiner schlossartigen Architektur und seinen Türmchen aus einem Fantasy-Film stammen könnte.

Einen solchen kreativen Spaziergang unternahm wohl auch der Dichter Rainer Maria Rilke während seines Kuraufenthalts im Victoria. In Glion und Caux eignen sich die von Bäumen und Bänken gesäumten, knirschenden Kieswege noch immer perfekt, um neue Energie zu tanken. Das Caux Palace wurde Ende der 1930er-Jahre aufgrund des Zweiten Weltkrieges geschlossen. Heute gehört es der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung, die sich für eine friedliche, gerechte und nachhaltige Welt einsetzt. Sie organisiert regelmässig Kulturveranstaltungen und einmal im Monat eine Führung.

Zur Hotellerie der Belle Epoque zählten auch bescheidenere Unterkünfte sowie zahlreiche Pensionen für das Personal der Adligen, die oft mehrere Monate in den Luxushotels residierten. Bei seinem Bau im Jahr 1869 hiess das Victoria noch Hôtel du Midi. Da die Zimmer klein und einfach waren und das heutige Vier-Sterne-Superior-Hotel im Laufe der Jahre häufig umgestaltet wurde, ist ein extravaganter Mix aus Stilen und Epochen entstanden.

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Ein Spiegel des Stils im Hôtel Victoria.

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Die Tasten einer antiken Registrierkasse im Hôtel Victoria.

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Die Ruhezone des Wintergartens im Hôtel Victoria.

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Die gedämpften Farbtöne eines Glasfensters von 1906 im Montreux Palace.

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The door handle of the former concierge lodge at the Montreux Palace, concealing the safe.

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Der Festsaal des Montreux Palace, Zeugnis des Luxus der Belle Époque.

« Durch den steilen Abhang und das Rattern der fahrenden Bahn hat man das Gefühl abzuheben »

Alexandre C.

Der Orient-Express in Territet

In der Zahnradbahn der MOB trifft man junge Skifahrer, eine chinesische Touristin, die – den Selfie-Stick am ausgestreckten Arm – die Fahrt kommentiert, sowie einen Vater mit seinem Sohn in rührender Vertrautheit. Durch den steilen Abhang und das Rattern der fahrenden Bahn hat man das Gefühl abzuheben. An der Station Glion-Alpes sitzt eine schwarze Katze, die reglos auf die Bahn aus der entgegengesetzten Richtung zu warten scheint. Mit zunehmender Entfernung verschwimmt die Katze mit der eleganten, kobaltblauen Patina der Bronzeelemente des Victoria Glion.

In der Belle Epoque war die Region gut vernetzt: Der Orient-Express hielt auf Wunsch am Bahnhof Territet. Ein wenig des Zaubers ist noch zu spüren, wenn zwei aus den 1930er-Jahren stammende Züge im Belle-Epoque-Stil zweimal am Tag zwischen Montreux und Zweisimmen verkehren.

Doch vor einer Fahrt in die Berge empfiehlt sich ein Abstecher an den Genfersee. Hier betreibt die CGN die renommierteste Belle-Epoque-Flotte der Welt, darunter drei Schaufelraddampfer wie etwa die Montreux, die 1904 vom Stapel lief. Vladimir Nabokov, der 30 Jahre im Montreux Palace lebte, schrieb: «Der schöne, verträumte See, auf dem kleine, grüne Wellen mit blauen Rüschen tanzten, breitete sich gross und heiter aus. Die glatten, hellen Flächen wechselten sich mit fein gekräuselten Stellen ab…»

Im Restaurant des Victoria hängt ein Gemälde von Eugène Burnand. Der gemalte Genfersee verschmilzt mit dem See, der vor uns liegt. Und wie um die Träumerei zu vervollständigen, erscheint jetzt ein junger Kellner mit Fliege. Sein feiner Oberlippenbart und seine Silhouette spiegeln sich im Monat für Monat auf Hochglanz polierten Tafelsilber, das täglich aufgedeckt wird. Entsprechend der Tradition des Hauses bevorzugt Küchenchef Gilles Vincent die klassische Küche aus Lyon. Das Fleisch wird im Saal auf einem kleinen Beistelltisch, dem Guéridon, tranchiert – eine Hommage an den berühmten Paul Bocuse, der einst hier speiste.

1906 liess der Maharadscha von Baroda für das Caux Palace Möbel aus Zitronenholz fertigen, dessen Duft seiner Gesundheit zuträglich sein sollte. Diese Stücke hellen das ansonsten eher dunkle Mobiliar auf. Interessanterweise setzt auch das Montreux Palace auf eine Zitrusnote: Die Kürbissuppe enthält Zitronenöl, das den Gaumen erfrischt.

Der Kontrast zwischen dem urbanen Tempo der internationalen Luxushotels im Zentrum von Montreux und dem steiferen, konservativeren Rhythmus in Caux und Glion ist frappierend. In Minutenschnelle gelangt man in ein völlig anderes Universum: vom Dandysmus der Uferpromenaden zur natürlichen Zurückhaltung der Berghänge.

Pure Nostalgie weckt ein im Montreux Palace ausgestellter Picknickkoffer aus gepflegtem Leder mit glänzendem Silberbesteck. Man stellt sich eine Mahlzeit im Grünen vor, zwischen Zylindern und verkehrt herum getragenen Kappen. Eine wahrhaft schöne Epoche, die sich – zu den nächtlichen Rhythmen von David Bowies Stardust Memories aus dem Festsaal des Montreux Palace – in ein poetisches Bindeglied verwandelt, ein Floß, das all die zeitlosen Wagnisse der Riviera verbindet.

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Derrière la porte du wagon Belle Époque du MOB, les fauteuils moelleux vous plongent dans un décor digne de l’Orient-Express.

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Die intarsierten Holzvertäfelungen aus edlem Holz im Speisesaal eines Belle-Époque-Schiffs der CGN begleiten Ihr Mahl.

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Das erkerartige „Oriel“-Fenster des ehemaligen Hôtel Moderne gegenüber dem Bahnhof verkörpert durch seinen reichen Dekor den Stil der Belle Époque.

« Eine wahrhaft schöne Epoche, die sich in ein poetisches Bindeglied verwandelt, das all die zeitlosen Wagnisse der Riviera verbindet »

Alexandre C.