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Delphine Morel: Chasselas und noch viel mehr!

Schlaraffenland Montreux-Riviera: Weine von Delphine. Pâtés von Julien. Schlemmen bei Mathieu im «Là-Haut».
 

Reben, Würste, Nestlé.
Auf den ersten Blick unterscheidet sich Delphine Morels Weingut in Chardonne kaum von anderen Betrieben. Jedenfalls nicht, was die Geschichte betrifft: Urgrossvater führt gemischten Betrieb mit Landwirtschaft, Grossvater fokussiert zunehmend auf die Reben, Vater konsolidiert das Ganze, baut ein neues Kellergebäude samt Verkostungsraum. Vor allem übergibt er die «Cave Morel» rechtzeitig an die Tochter, die als Önologin vorzüglich ausgebildet ist. Ein paar Besonderheiten gibt es dennoch: Der Grossvater hat als nebenberuflicher Metzger zweimal die Woche Schweine in Würste verwandelt. Diese hat er dann an Private und den lokalen Handel verkauft. Den Ertrag wiederum hat er dazu eingesetzt, seine Rebfläche zu vergrössern. Und auch Delphines Werdegang war nicht so fadengerade, wie man denken könnte. Sie hat erst ein paar Jahre lang in einem Nestlé-Büro kaufmännische Arbeiten erledigt.

 


Chasselas, aber nicht nur.
Delphines Weinpalette ist durchaus typisch für die Region. Chasselas spielt die erste Geige. Dennoch gibt es davon ganz unterschiedliche Flaschen, denn man pflegt nicht nur Reben in Chardonne und St. Saphorin, sondern auch im etwas weiter entfernten Chablais. Die Kultsorte Pinot Noir ist ebenfalls im Sortiment, wenngleich nicht so prominent. Daneben kultiviert Delphine einige originelle Spezialitäten, etwa Galotta, eine rote Kreuzung mit Beteiligung von Gamay. Oder die im Lavaux rare Loire-Sorte Chenin blanc. «An ihr gefällt mir, dass man sie sowohl trocken als auch restsüss ausbauen kann.» Insgesamt verarbeitet Delphine den Ertrag von 6.5 Hektaren. Das gibt eine Menge zu tun. Zum Glück helfen die Eltern Jean-François und Isabelle noch kraftvoll mit.

 
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Traumhafte Lage im Lavaux: Die Reben der Cave Morel umfassen 6.5 Hektaren Reben, mit Sicht auf den Lac Léman.

Schlaraffenland.
«Es ist ein Privileg, hier arbeiten zu dürfen.» Delphine steht im steilen Rebberg, hinter ihr blinkt der See samt Yachthafen «La Pichette». Berühmt ist das Lavaux aber auch für seine kulinarischen Köstlichkeiten. Etwa die Pâtés, wie sie Julien Mothez in der Boucherie Nardi in Jongny verkauft. «Alles handgemacht. Bei uns arbeitet eine Fachkraft, die nur die Pâtés herstellt.» Delphine ergänzt: «Für mich klar die besten der Gegend.» Stammkundin ist sie auch in der Bäckerei Bidlingmeyer in Chexbres. Hier haben es ihr besonders die Taillés aux greubons angetan, was man mit Griebenschnitten übersetzen könnte. Angegliedert ist ein Café mit Terrasse. Hier hängt immer noch das früher obligatorische Portrait von General Guisan an der Wand.

 


Himmel auf Erden.
Nicht immer ist selbst Kochen ein Thema. Zum Glück hat für diesen Fall einmal jemand das Restaurant erfunden. Wir sitzen im Lion d'or in Chexbres, einem bodenständigen Lokal mit schnörkellos guter Kost. Natürlich kennt man hier Delphine und ihre Weine. Die Stimmung ist entspannt, an der Wand hängen die Trikots italienischer Fussballclubs. Manchmal gibt es auch etwas zu feiern, und man möchte sich ein Restaurant der Oberklasse gönnen. Da bietet sich das «Là-haut» in Chardonne an. Hier kocht Mathieu Bruno auf dem Niveau von 16 Punkten. Die Sicht von der Terrasse ist traumhaft. Natürlich stehen im «Là-haut» auch Delphines Flaschen im Regal. Zum Abschluss unseres Rundgangs geht es dann nochmals in einen von Delphines Rebbergen. Das Rebhäuschen gefällt mit seinem Retro-Chic. Im stimmungsvollen Inneren wurde seit vielen Jahrzehnten nichts verändert - zum Glück. Über dem Eingang hängt eine Inschrift, die den Nagel auf den Kopf trifft:  «Wenn es einen Himmel auf Erden gibt, ist er hier.»

Stephan Thomas für Gault & Millau